DAS SCHINDELWRACK

Ein Bootswrack im Starnberger See, eine Bugschnecke und jede Menge Schiefer. Was ist passiert?


Das Schindelwrack
vor Berg im Starnberger See ist seit Jahren ein beliebtes Ziel vieler Taucher. Erstmalig bekannt wurde es durch die Entnahme der Bugschnecke in den 1970er Jahren durch eine Münchner Tauchergemeinschaft. Seit Dezember 2014 findet eine jährliche Bestandsaufnahme am Boot statt, um Veränderungen zu dokumentieren. Hauptsächlich werden Video- und Bildaufnahmen sowie 3D-Rekonstruktionen  berührungslos erstellt, damit der fragile Bootskörper nicht belastet wird. Das Boot liegt in ca. 40 Meter Wassertiefe auf ebenem Kiel. Es ist 5,65 Meter lang und 1,45 Meter breit. Im Bootsinneren befindet sich die sauber aufgestapelte Ladung aus Schieferschindeln. Die damals übliche Überfrachtung – bis die Bordwand nur knapp eine Handbreit über dem Wasserspiegel lag – lässt ein schnelles Sinken vermuten. Über Zeitpunkt des Untergangs und Eigner existieren keine genauen Daten. Es gibt die Aussage eines Fischers, der den Untergang „um 1910“ angibt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich beim Eigner um Georg Böck, den „Fischermichl von Ammerland“, der zu dieser Zeit einer der größten Tauchsportunternehmer am Starnberger See war. 

Die Bugschnecke 
des Bootes ist eine früher oft gesehene Bugzier in Form einer Geigenschnecke. Boote jeder Größe wurden damit versehen. War diese Verzierung im 19. Jahrhundert noch stark verbreitet war, fand man sie zu Beginn des 20. Jahrhundert nur noch vereinzelt vor. Die Bugschnecke ist circa. 40 Zentimeter hoch und besteht aus einem Eichenkern, der mit geschnitzten Leisten besetzt ist, die den Eindruck einer aus einem Stück Holz geschnitzten Schnecke hervorrufen. Durch das Einsetzen der Bugzier in den Bootskörper am Computermodell konnte diese eindeutig dem gesunkenen Boot zugeordnet werden.

Die Ladung
Die Schindeln weisen die typische Form der englischen Rechteckdeckung auf. Die groben Bruchkanten lassen die Bearbeitung von Hand erkennen. Diese Art Schindeln wird zum Decken von Dächern wie auch als Fassadenverkleidung benutzt. Der Schiefer stammt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit aus der Schiefergrube „Dinorwig“ aus der Gegend um Penrhyn in Wales. Die fertigen Schindeln wurden vom Abbaugebiet per Eisenbahn nach Bangor zum Hafen verbracht, von dort nach Hamburg oder Lübeck verschifft und weiter mit dem Zug an den Starnberger See transportiert.

Das Wrack heute
zeigt leider, dass sich sein Erhaltungszustand stark verschlechtert. Der Verfall war zuerst an abgefallenen Seitenleisten zu erkennen, die sich 1998 noch am Bootskörper befunden hatten. Die vom Bug aus beginnende Dissolution Richtung Heck verstärkt sich jährlich. Da sich der Bug des Bootes nicht im schützenden Sediment befindet und auch das Heck nur maximal bis zur Hälfte der Bootskörperhöhe darin liegt, ist kaum natürlicher Schutz vorhanden. Die gewaltsame Entnahme der Bugschnecke tat ihr Übriges, um den Bootskörper zu destabilisieren. Es ist zu befürchten, dass der Bootskörper in den nächsten Jahren auseinanderbrechen und ein Zeitzeugnis über die Transportwege am Starnberger See verschwinden wird.

weitere Infos:
angermayr.eu

Unser Autor: 
Robert Angermayr
VDST Tauchlehrer** und Mitglied in der Bay. Gesellschaft für Unterwasserarchäologie




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