VOGELPERSPEKTIVE

Nach unten zu fotografieren ist in der UW-Fotografie ein Fauxpas. Herbert Frei beweist das Gegenteil


Die Vogelperspektive
liegt vor, wenn die Horizontallinie eng am oberen Bildrand zu liegen kommt. Wird die Kamera extrem steil nach unten gehalten, kann man die Horizontallinie je nach Bildwinkel des Objektivs nicht mehr sehen. Warum ist die Vogelperspektive in der UW-Fotografie eine Randerscheinung und spielt nur eine untergeordnete Rolle? Ist die Historie schuld? Der Grund liegt wohl darin, dass in vielen UW-Fotobüchern und Fotobeiträgen in Tauchmagazinen die Vogelperspektive meistens als nicht opportun und verpönt dargestellt wird, was aber auf mangelhafte perspektivische Kenntnisse und eine gering ausgeprägte fotografische Flexibilität hinweist. In früheren Zeiten, als man unter Wasser noch keine Superweitwinkel-Objektive und Fisheyes kannte, war die Vogelperspektive in der Tat eine schwierige und nicht immer zufriedenstellende Disziplin. Obwohl auch viele Makroaufnahmen gar nicht anders zu machen sind. In UW-Fotowettbewerben wurden solche Bilder vor Jahrzehnten noch gnadenlos aussortiert. Verständlich, denn die Jury wusste es nicht besser, weil prägnante Bildbeispiele fehlten. 

Merke:
* Die Vogelperspektive gehört zu den schwierigsten Foto-Disziplinen, kommt aber als Top-Aufnahme geradezu genial rüber. 
* Vogelperspektive heißt nicht, dass man senkrecht nach unten fotografieren muss. Eine leichte Schräge nach unten ist manchmal für die Bildwirkung besser.
* Beim Überschwimmen von Riffen, Uferzonen und Pflanzenwäldern lohnt der Blick nach unten. Es könnte eine tolle Motivsituation vorhanden sein.
* Taucher aus der Vogelperspektive wirkt, wenn Umfeld und Lichtführung passen.
* Nah- und Makroaufnahmen werden oft unbewusst aus einer leichten Vogelperspektive gestaltet. Oft geht es nicht anders.

Von oben ist manchmal besser
Dogmen sind immer schädlich, weil sie die Kreativität negativ beeinflussen. Heute weiß man es besser. An Land ist die Vogelperspektive allgegenwärtig durch die populäre Drohnenfotografie. Es fällt keinem mehr auf. Im Gegenteil, die Bilder faszinieren. UW-Landschaften aus der Vogelperspektive machen sich besonders gut, wenn große Bildwinkel eingesetzt werden. Hier kommt auch das zirkulare Fisheye zu Ehren, mit dem die meisten UW-Fotografen ansonsten wenig anfangen können. Bilder von Bodenfischen, flach wachsenden Korallen, Wracks und UW-Landschaften wirken aus der Vogelperspektive oftmals spannender als aus der horizontalen Position. Insbesondere Bilder mit dem Zirkular-Fisheye wirken von oben fast immer berauschender und sensationeller als aus anderen Positionen. Schwimmende Fische sollten nach Möglichkeit nicht zu klein sein und nur dezent hochrückig sein. Es müssen noch deutliche Konturen erkennbar sein. Wichtiges Element ist der Untergrund. Der Fisch hebt sich von seinem Umfeld am besten ab, wenn er im Freiwasser schwimmt. Das gilt auch für Delfine und Wale. Kann man den Untergrund nicht wegzaubern, sollte er möglichst unscharf erkennbar sein oder zumindest keinen dominierenden Part einnehmen. Taucher von oben? Nicht ganz einfach, aber wenn man die Sonnenstrahlen mit einbezieht und dem Bild ein farbliches oder grafisches Aufmerksamkeits-Attribut anheftet, gelingt auch das mit einem guten Ergebnis. Nicht vergessen: S/W-Aufnahmen wirken im Freiwasser aus der Vogelperspektive oftmals besser als in Farbe, die alles in einem tiefen Blau oder Grün versinken lässt. Was man nicht machen sollte, sind Bilder aus der Vogelperspektive von einem stark hochrückigen Wasserbewohner, beispielsweise von einem Fledermausfisch. Auch sehr kleine, körperlich runde Fische wirken von oben selbst im Freiwasser nicht besonders attraktiv. Hingegen macht eine Seegraswiese oder ein gut strukturiertes Wasserpflanzenfeld schräg von oben durchaus etwas her.     

Unser Autor:
Herbert Frei
Buchautor und Fotoexperte, im VDSTsporttaucher &  divemaster




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