UNFALLHÄUFUNG?

Die Expertengruppe »Kaltwassertauchen« aus Deutschland, Österreich und der Schweiz (DACH)analysiert Tauchunfälle im Kaltwasser.


Eine ungewöhnliche Häufung von schweren Tauchunfällen prägte die letzten Monate. Warum genau jetzt? Hat es mit dem Lockdown, mit mangelndem Training zu tun oder gibt es anderen Gründe, die eventuell mit Corona zusammenhängen könnten? Mitte September traf sich die vor sechs Jahren vom VDST initiierte trinationale Expertengruppe Kaltwassertauchen (D-A-CH) am Achensee in Österreich. Gerichtssachverständige, polizeiliche Ermittler, Tauchlehrerausbilder und Tauchmediziner/Wissenschaftler aus der Schweiz, Österreich und aus Deutschland trafen sich, um aktuelle Tauchunfälle zu besprechen und gemeinsam zu analysieren. Die Zusammensetzung der Gruppe erlaubt es, harte Details und Fakten der Unfälle auszuwerten, da die Teilnehmer Zugriff auf sonst verschlossene Unterlagen bekommen. Auch der VDST bekam durch „berechtigtes Interesse“ von der zuständigen Staatsanwaltschaft Einsicht in Ermittlungsakten bei einem Unfall mit zwei tödlich verletzten VDST Tauchern, die sehr aufschlussreich waren. Details verbleiben natürlich in der Gruppe – gleichwohl steht im Fokus, Parallelen und Lehren für die Tauchausbildung aus diesen Ereignissen abzuleiten und diese zu veröffentlichen. Frank Hartig begann als Intro mit einem Impulsreferat über die Physiologie des Kaltwassertauchens und zeigte eine interessante Trainingsmethode mit einer speziellen Trainingsmaske zum Training der Atemmuskulatur, die in ganz kurzer Zeit eine objektive Beurteilung des Trainingszustandes erlaubt. Um es gleich vorwegzunehmen: Einen Zusammenhang mit der Pandemie konnte nicht direkt hergestellt werden. Bei den analysierten Tauchunfällen im Kaltwasser konnten folgende Unfallmuster zu Gruppen zusammengefasst werden:
• Bei vielen Tauchunfällen sind nach Auswertung der Tauchcomputer gleich mehrere misslungene Rettungsversuche nachzuweisen. Es gelingt zum Teil nicht, den Tauchpartner im Trockentauchanzug und schweren Tauchgeräten zu retten. Mehrfach führte eine zunächst bis zur Oberfläche gelungene Rettung durch erneutes Absacken final zum Tod. 
• Es wird mit zu viel Blei getaucht. Gutachter wiegen und berechnen hierzu die komplette Tauchausrüstung und stellten teilweise bis zu 24 Kilo Abtrieb in der Unfalltiefe fest. Das überfordert selbst große Tarierjackets. 
• Erneut wurden Fälle besprochen, bei denen das rettende Tariermittel (Jacket) durch den Inflatoranschluss am Hauptregler zum Verhängnis wurde, da der Hauptregler nach Vereisung zugedreht war und das Jacket zur Rettung nicht nutzbar war. Der VDST empfiehlt hier etwas anderes – siehe VDST Ausrüstungsempfehlungen. 
• Wir haben sogenannte Pseudo-Techtaucher oder Techtaucher mit schweren Fehlern und Verstößen gegen etablierte Standards: Gasverwechslungen, falsche Gase auf der jeweiligen Tiefe, Fälle von Nachlässigkeit und Basteleien. 
• Bewusste Überschreitungen der Sauerstoffpartialdruckgrenzen beim Kreislauftauchen, um die Dekompression zu verkürzen.  
• Drei von vier tödlichen Unfällen in nur wenigen Monaten in der Schweiz waren Solotauchgänge.
• Last but not least: Medizinische Probleme, die bis zum Unfall nicht bekannt waren. 
Wie bei allen Treffen der Arbeitsgruppe bleibt es nicht auf der Theorieebene. Alle Teilnehmer sind erfahrene Kaltwassertaucher und nutzten die von Frank Hartig organisierten Tauchmöglichkeiten im Achensee für ausgezeichnete Trimix- und Luft-Tauchgänge in unterschiedlichen Tiefen zu den bekannten Autowracks am Hechenberg. Dabei waren alle Facetten der modernen Tauchausrüstung zu sehen (Rebreather, OC-Geräte, Scooter, Sidemount) – aber allesamt perfekt fürs Kaltwasser geeignet. Die Kernpunkte und Resolutionen werden nun in einem Flyer zusammengefasst und zur Boot 2022 (auch am VDST Stand) veröffentlicht. Im VDST haben wir schon einige Ansätze in den Ausbildungsgremien besprochen. So wird gerade die Rettung eines Trockentauchers und die oft auf dem Rücken liegende Unfallposition von verunfallten Tauchern  in vielen Bereichen der VDST Ausbildung eine stärkere Rolle spielen. Erste Änderungen fließen bereits in die VDST Tauchlehrerausbildung ein. 

Die diesjährige Gruppe bestand aus (von links): Martin Schatzmann (Ausbildungsleiter im TSVÖ), Helmut Weiss  (Vizepräsident und Tauchlehrerausbilder im TSVÖ), Christoph Schmid (polizeilicher Ermittler für Tauchunfälle, Tauchsicherheitsforscher und Chef der deutschsprachigen CMAS Schweiz), Peter Bartl (Präsident und TL Ausbilder im TSVÖ), Frank Hartig (Leitender Oberarzt, Uniklinik Innsbruck, Research unit diving-concepts) , Frank Gottschalch (TL-Ausbilder für IANTD und im VDST, Sachverständiger und Tauchunfallermittler), Dietmar Berndt (Sachverständiger und Tauchunfallermittler), Frank Ostheimer (VDST TL4, Stv. Ausbildungsleiter vom VDST), Alfons Mathis (Tauchlehrerausbilder im TSVÖ).



Unser Autor:
Frank Ostheimer
DACH Mitglied und Stv. VDST Ausbildungsleiter

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