INSEKT DES JAHRES

Die Eintagsfliege – ein überlebenskünstler der sich im laufe der jahrtausende an seinen lebensraum im wasser angepasst hat.


Im dicken Neopren schwitzend, bei herrlichem Sonnenschein und blauen Himmel, stehe ich nicht weit vom Traunfall entfernt auf einem kleinen Felsvorsprung. Unter mir sehe ich das glasklare Wasser, das aus unterirdischen Quellen nach oben drängt. Meine Flossen, Maske, Schnorchel und den Fotoapparat halte ich dicht an meinen Körper gedrückt, und mit einem großen Schritt nach vorne springe ich in die Tiefe. Meine Kollegen warten hier schon auf mich, da ich der Letzte in der Gruppe bin. Nicht, dass ich mich nicht getraut hätte als Erster zu springen. Nein, mich hat vielmehr eine kleine Eintagsfliege aufgehalten, die sich auf meinem Finger niederließ. Diese filigranen Insekten leben, wie ihr Name schon sagt, meist nur wenige Tage, manche Arten sogar nur wenige Stunden. Dass sich diese kleine Eintagsfliege Zeit für mich genommen hat, ist fast ein Wunder, wenn man sich ihren Terminkalender einmal vor Augen führt. Solange die Tiere noch als Larven im Fluss leben, geht es am Anfang eher noch beschaulich zu. Dort verbringen sie je nach Art ein bis drei Jahre, in denen sie sich von Bakterien, Algen und kleinen Pflanzenteilen ernähren. Mit ihren drei Schwanzanhängen (ganz wenige Arten haben nur zwei) und den vielen kleinen Kiemenblättchen am Hinterkörper, mit denen sie unter Wasser atmen, sind sie leicht zu erkennen. Wie alle Insekten müssen sie sich zum Wachsen häuten. Das geschieht bis zu vierzig Mal. Bei der letzten Häutung unter Wasser schlüpft dann eine fast fertige Eintagsfliege aus der alten Haut. Ihre Körperanhänge sind meist noch klein, was aber durchaus von Vorteil ist, wenn man noch aus dem Nass an Land krabbeln muss. Hat sie dann ihren neuen Lebensraum erreicht, findet die letzte Umwandlung statt, und sie kann ihre ganze Pracht entfalten. Meist schlüpfen viele Eintagsfliegen zur gleichen Zeit. Besonders die Männchen bilden große Schwärme am Ufer und tanzen rhythmisch auf und ab. Nach kurzer Zeit finden sich dann auch die Weibchen ein und fliegen schwungvoll in das Männerballett. Schnell ist ein Partner gefunden, der das Weibchen mit den Vorderbeinen festhält. Die Paarung erfolgt fast immer im Flug. Die Eier werden dann einzeln an Wasserpflanzen und Steinen im Uferbereich abgelegt. Manche Arten werfen aber auch einfach kleine Eipakete auf die Wasseroberfläche. Bei den erwachsenen Eintagsfliegen zählt in dieser Lebensphase jede Minute. Da verwundert es auch nicht, dass sie sich nicht mehr mit der Nahrungsaufnahme aufhalten. Ihre Mundwerkzeuge haben keine Funktion mehr. Einziges Ziel ihres kurzen Erwachsenenlebens ist es, möglichst viele Nachkommen zu zeugen. 

Unser Autor:
Prof. Dr. Ralph Schill
Präsident des wissenschaftlichen Komitees der CMAS & Wissenschaftsjournalist






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