DER TIEFTAUCHER

Hannes Keller: Tauchpionier in Sachen Tieftauchen, Dekompression und Tauchcomputer vor allem im Selbstversuch!


Hannes Keller (*1934) Die Geschichte ist voll von interessanten Menschen, die Entscheidendes zur Entwicklung des Tauchens beitrugen. Hannes Keller ist einer von ihnen.

Der am 20.9.1934 in Winterthur geborene Keller studiert einige Jahre Philosophie und Mathematik an der Universität Zürich. Sein Einstieg in die professionelle Taucherei begann um 1959 mit der Gründung eines „Forschungslabors für Unterwassertechnik”. Im gleichen Jahr traf Keller anlässlich einer Konsultation zu physiologischen Problemen Dr. Albert Bühlmann (1923-1994), den späteren Leiter des Instituts für Forschungen in Lungenphysiologie und Blutkreislauf an der Universität Zürich. Keller und Bühlmann arbeiten jahrelang zusammen an der Entwicklung des Tieftauchens.  

Bereits am 21. November 1959 tauchte Keller im Zürichsee mit einem speziellen Gasgemisch für vier Minuten in 120 Meter Tiefe. Als „Tau­cher­glocke” fungierte ein leeres Ölfass. Sein Atemgasgemisch bestand aus 95 % Stickstoff und 5 % Sauerstoff. Der nächste bekannt gewordene Tauchversuch am 21. August 1960 führte bei Brissago bis in eine Tiefe von 156 Metern. 

Es folgten Tauchversuche in einer Druckkammer der GERS, einer in Toulon beheimateten Forschungsgruppe der französischen Marine. Besonders be­merkenswert war der Test am 26. April 1961 wegen der geleisteten Arbeit von 100 Watt innerhalb von 10 Minuten. Der Kammerdruck entsprach dabei einer Wasser­tiefe von 205 Meter. 

Kellers Tauchversuch am 28. Juni 1961 am Lago Maggiore finanzierte das Magazin „life“. Keller ließ sich mit dessen Science-Editor Kenneth MacLeish auf eine Tiefe von 220 Metern herab. Die geplante Aufenthaltszeit von zwei Minuten konnte aber wegen Schwierigkeiten mit der Atemgasversorgung nicht eingehalten werden. 

Das Forschungsteam Keller/Bühlmann erregte Aufsehen in Fachkreisen. Nicht die großen Tiefen, mehr die relativ kurzen Austauchzeiten mussten auf neue Wege schließen lassen. Die U.S. Navy interessierte sich für das von Keller geheim gehaltene Verfahren. Das Team Keller/Bühlmann setzte sich das Ziel, George Wookeys Tieftauchversuch von 1956 mit 197 Meter Tiefe und zwölfstündiger Dekompression zu überbieten. Sie berechneten spezielle Tabellen und Atemgas­wechsel­techniken und testen diese zunächst in Toulon. Dann reiste Keller nach Washington und ließ sich dort am 10. Mai 1961 für zehn Minuten unter einem Druck analog 215 Meter Wassertiefe setzen. 


Einen Höhepunkt und vorläufigen Abschluss sollte das Unternehmen Kellers in Zusammenarbeit mit der U.S. Navy bei Santa Catalina finden, wo er in 300 Meter Tiefe eine schweizerische und eine amerikanische Flagge auf den Meeresgrund aufstellen wollte. Am 3. Dezember 1962 fuhren Hannes Keller und Peter Small mit der Tauchkammer „Atlantis“ hinab in 300 Meter Tiefe. Hier verließ Keller für kurze Zeit die Tauchkammer, um die Flaggen aufzupflanzen. Aber die Stoffbahnen verhedderten sich in Kellers Atemgerät. Keller entledigte sich der Fahnen und kehrte zur Kammer zurück. Doch nun lief alles schief, und für Peter Small endete das Experiment tödlich. 

Die Vorgänge in und vor der Tauchkammer wurden offiziell nie völlig aufgeklärt. Erschwerend beeinflussten die amerikanischen Ermittlungen, dass Keller die verwendeten Gasgemische und die Gaswechsel­methode geheim hielt, denn er wollte sein Tauchverfahren kommerziell verwerten. Ein Jahr danach verkaufte Keller Tabellen und Technologie an den Shell-Konzern für einige Millionen – und veröffentlichte erst viel später im „Journal for applied Physiology“ das angewendet Prinzip. 

Mag sein, dass der Theoretiker Hannes Keller, von dem es hieß, dass bis dato kaum mehr als 50 Tauchstunden in seinem Logbuch standen, Fehler gemacht ha­t. Aber er und Dr. Albert Bühlmann haben Entscheidendes zur Tieftauchforschung geleistet und sie aus der jahrelangen Stagnation herausgerissen. Und Keller hatte die Taucherei nicht aufgegeben, noch nicht. Er führte Forschungsarbeiten für Shell aus, erprobte mit einem Team von zwölf italienischen Tauchern zwei Taucherglocken, gründete eine Firma für Tauchausrüstungen, entwickelte Druckkammern und Taucheranzüge, aber dann auch Skianzüge. Babcock Deutschland kaufte die Druckkammertechnik, DESCENTE Japan die Sportbekleidungstechnik. 

Damit endeten Anfang der 70er Jahre die Abstecher des vielseitigen Schweizers in die Taucherei. Aber mit diesen wenigen Zeilen wird man dem universellen Wirken des heute 87-jährigen Hannes Keller natürlich nicht gerecht. Neuere Publikationen liefern ein differenzierteres Bild… 



Unser Autor:
Norbert Gierschner
Seit 1973 freischaffender Publizist mit vielen Artikeln, Vorträgen und Büchern zum Thema UW-Welt. Tauchte von 1956 bis 1998, dann an MS erkrankt.

Weitere Infos:
„Meine illustrierte Chronologie der Tauchgeschichte, Bd. III

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