BERGWERKS UNFALL

Glückauf der Heli kommt! Tauchunfall nach zu großer Risikobereitschaft? Dr. Konrad Meyne  nimmt den Fall unter die Lupe.


Der Fall: Mittwochabend, eigentlich kein Hotline-Dienst, aber…  mein Handy klingelt „…kann ich Dich mal sprechen? Ich hatte letztes Wochenende einen Tauchunfall mit Hubschraubertransport und Druckkammeraufenthalt, ohne dass ein Regelverstoß vorlag. Mir geht´s soweit wieder gut, alle Symptome sind in der Kammer verschwunden und ich durfte am nächsten Morgen wieder gehen. Aber die Psyche ist natürlich angeknackst und in zwei Wochen soll‘s nach Mexiko zum Höhlentauchen gehen…“ Werner, gesunder, leistungsfähiger Fünfziger, ist erfahrener T*** mit viel Tec-Erfahrung und über tausend problemlosen Tauchgängen, davon viele Höhlen- und Bergwerkstauchgänge. Sein Ziel: weitere Qualifizierung zum Höhlentaucher. Er ist mir aus meiner Taucherarztsprechstunde bekannt und hat seine tauchsportärztliche Untersuchung vor zwei Wochen ohne Einschränkungen bestens absolviert. Das Wochenende zuvor verbringt er mit drei ebenfalls erfahrenen Tauchern, um seine „skills“  zu üben. Dazu haben sie sich ein Bergwerk im Sauerland ausgesucht.

Der Tauchgang
Geplant sind siebzig Minuten Grundzeit mit einer Durchschnittstiefe von dreißig Metern; NX32 als Grundgemisch (analysiert vor dem Tauchen mit 31,8 Prozent Sauerstoff) und reiner Sauerstoff auf  sechs Meter nach dem Gaswechsel, den der Computer anzeigt. Anzugheizung ab der siebzigsten Minute, also ab dem Aufstieg. „Kalt war mir zu keinem Zeitpunkt während oder nach dem Tauchgang“.  „Ich kam mit meinen Aufgaben beim Tauchgang nicht so zurecht, wie ich das von mir selbst erwarte, und deswegen gestresst war“. Werner kollabiert etwa neunzig Minuten nach dem Tauchgang auf dem Parkplatz vor dem Bergwerk. Heftiger Schwindel bleibt bei dem noch ansprechbaren Taucher bestehen. Werner ist auffällig müde und verlangsamt. Die Bauchhaut ist rötlich-bläulich fleckig verfärbt.  Sein Tauchpartner, der das gleiche Profil getaucht hat, ist beschwerdefrei.
Vom Hubschrauber zur Druckkammer
Die Rettungskette ist von der Tauchbasis eingeleitet, Sauerstoff wird zur Erstbehandlung verabreicht. Der Rettungshubschrauber fliegt Werner in die nächste aufnahmebereite Druckkammer. Dort angekommen ist er weiterhin ansprechbar, der Schwindel  ist gebessert, aber die Hautflecken am Bauch (Cutis marmorata) bestehen noch eindrucksvoll. Schon nach der ersten Druckkammerbehandlung (US Navy 6-Tabelle) ist Werner restlos beschwerdefrei und wird am Folgetag nach Hause entlassen –  nur der Kopf ist noch nicht frei…

Verdienter“ Tauchunfall?
Werner geht davon aus, dass Flüssigkeitsmangel und Stress durch die Skills Auslöser sind. Seine Tauchgangsplanung sei konservativ berechnet, ein Dekompressionsunfall für ihn unwahrscheinlich.  „Aufgefallen ist mir selbst, dass ich so gut wie keinen Harndrang verspürte während des Tauchens. Ich hatte morgens Kaffee  und direkt vor dem Tauchen  Tee getrunken. Auch in der Klinik trank ich dann nach der Druckkammer drei Liter Wasser und hatte immer noch wenig Harndrang. Dehydration?“

Tauchmedizinische Betrachtung
Stehen Werners Tauchgangsplanung und -durchführung im Widerspruch zum klassischen Befund eines Dekompressionsunfalls?  Schließlich bleibt sein Tauchpartner völlig beschwerdefrei!  Sind vielleicht andere Auslöser aus innerer Ursache eine Erklärung? Aus tauchmedizinischer Sicht sind das getauchte Profil und die zu einem typischen Zeitpunkt nach Beendigung des Tauchgangs aufgetretenen Beschwerden richtungweisend für einen  „Bilderbuch“-Dekompressionsunfall.  Die Besserung unter frühestmöglicher normobarer Sauerstoffgabe und die eindrucksvolle Rückbildung aller Beschwerden nach der einmaligen Druckkammerbehandlung stützen diese Annahme. 

Zusammenfassung
Ein Tauchunfall ist nie „monokausal“, sondern mehrere Faktoren tragen zum Unfallereignis bei.  Hilfreich ist neben der tauchmedizinischen Ursachenforschung eine Aufarbeitung der Tauchgangsdaten.  So lassen sich mögliche Fehlerquellen auch bei technisch anspruchsvollen Tauchgängen unter Tage erfassen.
Glückauf!

Unser Autor: 
Dr. med. Konrad Meyne
Internist, Notarzt, Taucherarzt
Stv. VDST-Bundesverbandsarzt, Hotlinearzt, TL2





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