WER VIEL MISST…

Trugen Messungenauigkeiten zum Bergwerksunfall bei? Frank Ostheimer hat mit Tests diese Ungenauigkeiten unter die Lupe genommen. 


Konrad gab uns die anonymisierten Tauchgangsdaten zur Tauchunfallanalyse und bat uns, das Profil durchzurechnen, auch um zu beurteilen, ob es ein „verdienter“ Tauchunfall war. Auffällig war sofort die sehr lange Grundzeit mit Nitrox. Der Verunfallte gab an, dass eine Grundzeit von 70 Minuten auf 30 Meter Tiefe mit Nitrox 32 als Atemgas geplant war, mit anschließender Sauerstoff-Deko ab sechs Meter Tiefe – berechnet mit dem Modell ZHL16 GF30/80. Beim Nitrox Gemisch wurde direkt vor dem Tauchen ein Sauerstoffanteil von 31,8 Prozent gemessen. 
Die Anzugheizung schaltete er erst nach 70 Minuten an, da ihm „vorher nicht kalt war“ und er Übungen in der Tiefe machte. Das Profil des verwendeten Tauchcomputers zeigt eine Durchschnittstiefe, die tatsächlich eher bei 31 Metern liegt und eine Grundzeit von 72 Minuten. In Minute 90 ist der Wechsel auf reinen Sauerstoff zu sehen und nach 14 Minuten O2-Deko, also direkt nach „Absitzen“ der Deko, erfolgt in Minute 104 der Aufstieg in rund drei Minuten aus sechs Meter Tiefe zur Oberfläche – Letzteres ist deutlich schneller, als es im Mischgastauchen gelehrt wird. 

Lange Grundzeiten – große Auswirkungen
Klar – 72 Minuten Grundzeit auf durchschnittlich 31 Metern Tiefe ist kein Standardtauchgang. Was aber auch klar ist, dass gerade bei langen Grundzeiten Messfehler bei der Nitrox Messung fatal in die Dekoberechnung eingehen können. Die folgenden Berechnungsbeispiele (siehe Seite 33) zeigen die Auswirkungen: Eine Berechnung mit Nitrox 32 zeigt eine sehr ähnliche Gesamttauchzeit wie im Tauchgangsprofil, gleichwohl verlangt hier die Software schon eine fünf Minuten längere Sauerstoffdeko als der Tauchcomputer des Verunfallten berechnete. Mit Nitrox 31 und mit Nitrox 30 verlängert sich die Deko und die Gesamttauchzeit dann erheblich – siehe Bilder. Das heißt: Selbst bei der Annahme, dass die Nitroxmessung stimmte, war der Tauchgang schon „an der Grenze“ berechnet und der sofortige und flotte Aufstieg direkt nach Dekoende – ohne weiteren Sicherheitsstopp – war sicher einer von mehreren Gründen, wie auch Konrad vermutete. Doch wie sind eventuelle Messfehler genau einzuschätzen?

Im Test enorme Messfehler
Messwerte kann man nie als „bare Münze“ nehmen – jeder Taucher in technischen Berufen hat das beruflich erfahren und gelernt. Man muss immer Rahmenbedingungen und Messfehler berücksichtigen. Um dies fürs Tauchen einzuschätzen, haben wir sechs gängige Sauerstoff-Messgeräte einfach mal im Rahmen eines TEC-Basic Kurses getestet. Die Abweichungen waren beachtlich und überraschten selbst uns. Bei der Messung einer Nitrox 50 Mischung ergaben sich Messwerte mit plus drei Prozent, beziehungsweise minus fünf Prozent Abweichung, wobei die beiden baugleichen (und teuersten) Messgeräte reproduzierbar immer fast gleiche Werte anzeigten. Die Messfehler decken sich zum Teil auch mit Angaben in den Datenblättern der Messgeräte. Hier gilt oft der Grundsatz, dass der Messfehler mit dem Sauerstoffgehalt der Messung erheblich steigt. Eine Kontrollmessung mit reinem Sauerstoff bestätigte dies: Nur zwei Messgeräte zeigten 99 Prozent an, andere hatten eine Abweichung von bis zu zehn Prozent – zeigten also nur 90 Prozent Sauerstoff an. Erheblich Messfehler sind auch oft auf Fehler bei der Handhabung zurückzuführen. Natürlich müssen die Geräte vor der Messung kalibriert werden – aber dann stellten wir noch Fehler bei der Entnahme fest. Wenn das Entnahmeset nicht dicht abgeschlossen ist, wird „Fremdluft“ angesaugt und es gibt falsche niedrige Werte. Wenn ein Staudruck am Sensor entsteht, messen wir falsche, zu hohe Werte. Nach Ausschluss dieser Entnahmefehler ergaben sich in einer zweiten Messreihe oben genannten Messfehler durch die Geräte und Sensoren selbst.

Fazit und Empfehlungen:
Wenn man Nitrox zur Optimierung der Dekozeit voll ausnutzen möchte, muss man Messfehler einkalkulieren und bei der Dekoberechnung Messwerte großzügig nach unten abrunden – und dies ganz besonders bei langen Grundzeiten. Bei der Berechnung der Maximaltiefe (MOD) wird natürlich nach oben gerundet. In jedem Fall gilt, am Ende der Deko noch einige Minuten zur Sicherheit zu verweilen und am Ende ganz langsam aufsteigen – mit einem Meter pro Minute.

Unser Autor: 
Frank Ostheimer
TL4, Tauchtechnik, 
Tauchunfallanalyse





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