DIE BERGUNG

Wilhelm Bauer (1822 – 1875) und sein „Taucherwerk



Er ist einer der bekanntesten deutschen Techniker und Erfinder des 19. Jahrhunderts. Über Bauers Tauchfahrzeug den  „Eisernen Seehund“, berichten schier zahllose Texte. Seltener indes sind Nachrichten über seine Taucherarbeiten. 

Eines schönen Tages im Jahr 1861 erreichte Bauer eine Depesche: Die bayrische Dampfschifffahrtsgesellschaft, die von seinem in England patentierten Hebeverfahren mit sogenannten „Kamelen“ gehört hatte, bat ihn, den im Bodensee gesunkenen Postdampfer Ludwig zu heben. Bauer willigte ein – unter sehr ungünstigen Bedingungen. Die gesamte Summe, die Bauer gegen Hinterlegung einer Kaution von 1000 Gulden geboten wurde, reichte nicht einmal für die Herstellung der Hebekamele. Dennoch: Bauer zögerte nicht lange und reiste nach Rorschach. Dort heuerte er als erstes eine Mannschaft an, um sie als Taucher auszubilden. Von acht Männern erwiesen sich nur drei als geeignet. Aber auf diese konnte er sich dann auch verlassen. Jetzt kam ihm seine weiterentwickelte Tauchausrüstung zu Gute. Zwar hatte Bauer schon von einem gewissen August Siebe gehört, der in London ein neuartiges Helmtauchgerät kons­tru­iert haben sollte, doch waren diese Geräte nicht erhältlich. Also stellte er sein eigenes System zusammen. Der Taucher steckte dabei in einem 26 Pfund schweren Anzug aus Leinen und Kautschuk. Der nicht mit dem Anzug verschraubte offene Taucherhelm aus Kupfer reichte bis über den oberen Teil des Brustkorbes. Die zum Taucher hinab gepumpte Luft strömte über die Helmunterkante ab. Gehalten wurde der Helm von einem sogenannten Reiteisen. Rasch abwerfbare bleierne Ringe von 86 Pfund sorgten für den nötigen Abtrieb. Bauer stieg als erster hinab. Er blieb nicht lange unten. Es waren kaum zehn Minuten vergangen, als der Signalgast drei lange Züge registrierte. Auf! Bauer war totenbleich, als man ihm den Helm abnahm. Hofmann beschrieb später, was die Taucher da unten sahen: „In unheimlicher Dämmerung lag das Schiff mit gebrochenem Schlot und mit dem Hinterteil tief eingesunken. Auf dem Verdeck stand ruhig die Ladung, angebundene Tiere, Pferde und Ochsen, schwammen auf dem Schiff und an den Seiten desselben; endlich drang man zu den Kajütenfenstern hinan; ein Blick hinein erfüllte alle mit Grauen. Da lagen die Armen, die ein schrecklicher Augenblick vom Leben getrennt, auf dem Boden umher, Männer und Frauen, starr und unbewegt, wie in einem großen geschlossenen Sarge. Als aber die Taucher zur anderen Seite des Schiffes kamen, erschütterte sie ein entsetzlicher Anblick: Ein Frauenantlitz sah mit weit offenen Augen zum aufgerissenen Kajütenfenster heraus, wie noch jetzt nach Hilfe flehend; so war die Unglückliche im Tode erstarrt.“ Dennoch ging Bauer mit seinen Tauchern rüstig an die Arbeit. Fässer wurden hinabgesenkt, hinter Luken und Fenstern verankert und durch Feuerwehrspritzen mit Luft gefüllt. Nach dem so 27 Fässer angebracht waren, hob es sich etwas vom Lehmboden ab. Der Erfolg konnte nicht ausbleiben. Und bald schwamm das Schiff dicht unter der Oberfläche. Die Umrisse des Wracks waren bereits an der Oberfläche sichtbar, als ein schweres Unwetter losbrach. Wellen schlugen die tragenden Fässer an­einander und zerschmetterten sie. Die Ludwig versank wieder. Noch zweimal hob Bauer das Schiff, am 7. und am 23. Juni 1861. Doch dieses Mal scheiterte es an der Verwahrlosung der Schleppfahrzeuge. Bauer gab auf. Was hatte ein Rorschacher Bürger zu ihm gesagt? Die bayerische Regierung wäre an der Bergung überhaupt nicht interessiert, sie wolle nur die Gemüter der Angehörigen beruhigen und im Übrigen ihr Geld hübsch fein für den neuen Dampfer sparen? Bauer ahnte, was nun bald kommen würde. Deshalb ließ er sich von 30 der angesehensten Männern unter den Zuschauern ein Zeugnis ausstellen: „Sie bestätigen ferner, dass die Ludwig mit den an dem Schiffskörper befestigten circa 50 Tragfässern durch das Dampfschiff Stadt Lindau von der Hebungsstelle circa 800 Schritte gegen das Land bugsiert wurde, somit die Hebung und Transportmöglichkeit in anschaulichster Weise sich praktisch bewährte … Die Echtheit der vorstehenden Unterschriften beurkundet, Rorschach, den 30. August 1861, Bezirksamtmann Boppart.“ 

Dennoch – die Ufer des Bodensees hallten wider von dem Gelächter der Spötter. Gut war es, in jenen Tagen auch Freunde zu haben. Vor allem die Herren Hauff und Hofmann. Letzterer, Mitarbeiter der demokratisch gesinnten „Gartenlaube“, begann noch im selben Jahr mit einer Beitragsfolge über Wilhelm Bauer. Aber nicht nur Worte waren es, die den rührigen Mann auszeichneten. Er gründete ein Komitee zur Unterstützung des deutschen Taucherwerkes, zur Unterstützung Wilhelm Bauers. Ein Aufruf erschien, der auch um freiwillige Spenden bat. Wenn jeder Leser der „Gartenlaube“ sich ent­schlösse nur drei Silbergroschen zu sen­den, hieß es, so würde diese Sum­me genügen, um die Hebekamele, Luftpumpen, Schläu­che, Tauchausrüstungen herzustellen. Gelder kamen ein. Bauer schöpfte wieder Mut. Mitte Juli 1862 begann er seine Hebeka­mele zu bauen. Der ­ame­rikanische Bür­­­ger­krieg hatte je­doch die Kaut­schuk­preise in die Höhe schnellen lassen. Also hieß es sparen, konnten die leinernen Ballons nur mit einer Kautschuklösung gedichtet wer­den. Kein gutes Omen. Wohl hatte er durch die Unterstützung einer am nationalen Sammelwerk beteiligten Bremer Firma endlich zwei nach seinen Entwürfen verbesserte Luftpumpen bekommen. Diese vermieden durch eine besondere Ausbildung der Kolben und Zylinder die Erwärmung der Ledermanschetten und Dichtungen. Doch es war wie immer. Wieder schien sich alles gegen Bauer verschworen zu haben, angefangen bei der bayerischen Landesregierung, die plötzlich die Hebung verbieten wollte, bis hin zum Wetter. Durch die unerwarteten Widerstände verzögerte sich die Hebung. Die Zeit der Herbststürme rückte heran. Als sich dann noch ein Hebeballon losriss, entschied Bauer am 7. November 1862, die Bergungsversuche einzustellen. Erst im nächsten Jahr konnte Bauer die Arbeit fortsetzen. Und am 21. Juli 1863 erschien wieder die Silhouette der Ludwig. Am Mittag durchstieß der Radkasten die Wasseroberfläche. Jetzt galt es, ehe das Wetter ihm erneut einen Strich durch die Rechnung machte. Um halbdrei kam der Schlepper Wilhelm längsseits. Obertaucher Schroff angelte aus der Kajüte der Ludwig eine unversehrt gebliebene Flasche Kognak. Sie wanderte reihum. Gegen 17 Uhr setzte sich der Tross in Bewegung. Im Dämmer des Abendlichtes stieß die Ludwig auf Land.Endlich ein Erfolg! Neue Pläne, neue Arbeit! Verschiedene Reeder erkannten den geschäftlichen Wert der Erfindung und unterbreiteten Bauer Angebote. Im Bremen beschlossen reiche Kauf­leute die Gründung einer Aktiengesellschaft  für Schiffshebung. Da brach der Krieg aus. 1864 marschierten preußisch-österreichische Trup­­­pen in Schleswig ein. Alle Pläne, die eine Festlegung größerer Kapitalien auf längere Sicht nötig machten, zerschlugen sich. Deutschlands Taucherwerk: die unermüdliche Arbeit Bauers und seiner Taucher, ein geborgenes Schiff, ein modifiziertes Tauchergerätemodell und die ver­bes­serten Luftpumpen! Dabei blieb es. – Und Bauer? Nach einem heftigen Gichtleiden, das ihn sechs Jahre ans Bett fesselte, starb er einsam und verarmt im Juni 1875.

weitere Infos: gierschner.de




Unser Autor:
Norbert Gierschner
Herausgeber & Verleger Tauchgeschichte spezial

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