TL AUSBILDUNG OST

Unser VDST Ausbildungsleiter Hagen Engelmann absolvierte 1984 seine erste Tauchlehrerprüfung auf dem Tauch-Ausbildungsschiff der DDR – der Artur Becker


T III – Tauchlehrerausbildung OST auf der „Artur Becker“ „Tauchernachwuchs gesucht!“ – hieß es im Herbst 1979 am Schwarzen Brett einer Görlitzer Schule. Cousteaus Filme hatten auch den Osten Deutschlands begeistert. Na klar folgte ich da dem Aufruf der örtlichen Grundorganisation der GST (Gesellschaft für Sport und Technik), dem heutigen Tauchclub Görlitz. Und so stand ich, vom Verein „delegiert“, fünf Jahre später am Tor der GST-Marineschule „August Lütgens“ in Greifswald-Wieck, deren Grundstein hier am südlichen Ufer des Ryck bereits 1959 gelegt wurde und an der rund drei Jahrzehnte die Tauchlehrer der GST ausgebildet wurden. Voller Begeisterung, aber keine Ahnung von dem, was in den kommenden knapp vier Wochen auf mich zukommen sollte. Zunächst hieß es Zimmer beziehen, die neuen „Kameraden“ begrüßen (3 Frauen und 21 Männer aus allen Ecken der Republik) und ab in die Kleiderkammer: Ölzeug, Bordzeug, Ausgangsuniform empfangen. Dinge, die einem aus heutiger Sicht eher skurril vorkommen, ebenso wie manches Unterrichtsfach in den folgenden zweieinhalb Wochen. Aber insgesamt machten Polit-Schulung, Marschieren oder Sportstunden den allerkleinsten Teil der Ausbildung aus. Viel spannender und lehrreicher waren die tauch- beziehungsweise ausbildungsspezifischen Fächer wie Tauchphysik, Tauchmedizin, Technik oder Seemannschaft, Unterrichtsmethodik, Erste Hilfe und eigene Lehrproben. Höhepunkte unserer Lehrzeit an Land aber waren zweifelsohne die erste Tauchausfahrt mit der Schlauchbootkette in die Dänische Wieck oder der 20-m-Abstieg in der Dräger-Ein-Mann-Druckkammer, ein abenteuerliches Unterfangen. Die schriftlichen Prüfungen beendeten diesen Ausbildungsabschnitt und die Freude war umso größer, als es endlich hieß „Alle Mann an Bord!“.  Schnell hatte jeder seine Koje für die nächsten zehn Tage in einer der beiden 12-Mann-Kajüten mittschiffs gefunden, die drei Mädels landeten im Vorschiff. Leider fuhren am selben Abend noch zwei Herren vor und zwei unserer Mitstreiter mussten das Schiff umgehend wieder verlassen und ihre Ausbildung im Greifswalder Bodden beenden, über die Gründe konnte nur spekuliert werden. Der Rest startete am nächsten Morgen Richtung Kap Arkona, dem nördlichsten Punkt Rügens. Unser Schiff, die „Artur Becker“, ein 1951 gebauter 38-m-Logger, seit 1971 u.a. für die Tauchausbildung der GST genutzt, war erst im Jahr zuvor umfassend modernisiert worden und bot beste Bedingungen für uns Taucher: zwei Hochdruckverdichter, Flaschenbatterie, russische Druckkammer für 4 Personen incl. Schleuse, Luftversorgung für schwere Taucher und Schwimmtaucher, zu denen wir als Sporttaucher mit unserer Medi-DTG zählten. Die Tauchgeräte von Medizintechnik Leipzig mit 7-l-Stahlflaschen konnten als Mono-, Doppel- oder Dreier-Gerät konfiguriert werden. Standardmäßig getaucht wurde das DTG 62025, ein D7 mit Regler „Hydromat 66“, Rückzugswarneinrichtung (Reserveschaltung), Fini am Ventil verschraubt, Styropor-Auftriebskörper zwischen den Flaschen und Gurtzeug incl. Schrittgurt. Rettungskragen oder andere Auftriebs- und Tarierhilfen lagerten wohl in mancher Taucherkammer, zum Einsatz kamen sie eher selten. Man musste halt immer sehr genau „ausgebleit“ sein. Die Tage auf See  an den unterschiedlichen Tauchplätzen, die verschiedenen Tauchgänge in der Ostsee waren wunderbar und äußerst lehrreich, auch wenn man manche Übung heute wohl eher als überholt oder gar gefährlich einstufen würde: „Blinder und Lahmer“ (Taucher ohne Maske & Taucher mit fehlender Flosse in Wechselatmung), Notaufstiege, Gerät ablegen – auftauchen – abtauchen – Gerät anlegen, längere Schwimmstrecken, erneute Druckkammerfahrt in der großen Kammer und vieles mehr. Alles mit einer Boje pro Gruppe und Sicherung durch ein begleitendes Schlauchboot. Die Ausbilder waren die Chefs und wir beneideten sie um ihre Unisuit-Trockentauchanzüge. Nicht das uns sonderlich kalt war, aber wir hätten diese gerne selber mal getaucht. Viel zu schnell lief unser Schiff wieder Richtung Süden, vor Zicker sollte schließlich zum Abschluss die Nachtübung stattfinden. Allerdings versagte der Motor des Beibootes und wir genossen einen ruhigen letzten Abend auf See. Im Rückblick bleiben knapp vier Wochen spannende und lehrreiche Ausbildung mit vielen Erlebnissen und manchen Eigenarten der damaligen Zeit. Eine Zeit, die für viele ihren weiteren Weg als Tauchlehrer stark beeinflusste. Persönlich hatte ich Jahre später die Möglichkeit, meinen Ausbildungsweg als Tauchlehrer im VDST in Camaret und auf Fuerte fortsetzen zu dürfen!


Ausbildungssystem Ost bis 1990 (GST)
Tauchausbilder T III: Ausbildung Taucher 
Tauchausbilder T II: Ausbildung Tauchlehrer 
Tauchausbilder T I: Instrukteur für Tauchsport


Unser Autor:
Hagen Engelmann
Bundesausbildungsleiter des VDST






3 Gedanken zu „TL AUSBILDUNG OST

  • 16. Juli 2021 um 09:01
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    Ich habe bereits 1962 auf der „Artur Becker“ meine Taucherprüfung „c“ absolviert.

    Antwort
  • 16. Juli 2021 um 15:49
    Permalink

    Hallo Joachim,
    dass ist sehr interessant!
    Ich habe in verschiedenen Quellen zur „Artur Becker“ recherchiert (z.B. in den Veröffentlichungen von Lutz Mohr) und überall das Jahr 1971 als das Jahr der Übernahme in die GST gefunden – siehe z.B. hier: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Artur_Becker_(Schiff)
    Davor war das Schiff in der Volksmarine eingesetzt.
    Kann es sich im Jahr 1962 evtl. noch um das Taucherboot „Krake“ gehandelt haben.
    VG Hagen

    Antwort
  • 20. Juli 2021 um 21:04
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    Beide Artikel Ost und West sind super. Die zusätzlichen Bilder sind Klasse!

    Antwort

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