GEISTER SCHIFFE

LESERREISEN 2019:

Wracktauchen in den Großen Seen von Amerika

Norman – 60m, sank in 1895

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Seen so groß wie ein Meer, mit Stürmen, Gewittern und Flutwellen. Seen, die über die Jahrzehnte hinweg ihren Tribut an Schiffen von den Menschen abverlangt haben. Dieses Eldorado verschollener Schiffe findet man mitten im Herzen von Nordamerika. Dietmar Fuchs war dort und hat die Geschichte und Geschichten über die großen Seen von Amerika zusammengetragen.

»John Maynard war unser Steuermann, aus hielt er, bis er das Ufer gewann, er hat uns gerettet, er trägt die Kron. Er starb für uns, unsere Liebe sein Lohn«.
So steht es auf dem Grabstein der Stadt Buffalo am Eerie-See zum Gedenken an den berühmtesten Fährmann der Stadt, John Maynard. Und so kennen wir ihn auch aus Fontanes Gedicht aus unseren Volksschuljahren.
Immer wieder geistern die dramatischen Verse durch mein Gehirn, während sich langsam die Umrisse eines riesigen Schiffes in meiner Maske abzeichnen. 30 Meter tief im kalten Huron-See liegt einsam und verlassen das Wrack der »Cedarville«, einer der großen Dampffrachter, die zu Beginn dieses Jahrhunderts die großen Seen von Nordamerika durchkreuzten. Die »Cedarville« ließ 1965 ihr Leben beim Zusammenstoß mit einer Barkasse in einer Nebelbank mitten in den Straits of Mackinac, einer Seeenge zwischen dem Lake Huron und dem Lake Michigan. Heute ruht das Wrack des Schiffes kopfüber in nur knapp 35 Meter Tiefe. Der Kiel ragt bis in eine Tiefe von zwölf Metern unter der Oberfläche und ist – für Taucher mit eigenem Boot – mit einer Boje gekennzeichnet.

Auf der Brücke der »Cedarville«
Die letzte Metallplatte des Bugs gleitet vorbei. Jetzt müssen wir unter das Schiff tauchen. Ein Blick in das Innere des Dampfers macht deutlich, wie langsam die Zeit für Süßwasserwracks vergeht. Fast hat man den Eindruck, das Schiff sei erst gestern untergegangen. Kein Bewuchs, kein Schlick, nur eine gähnende, schwarze Leere. Die Menschen sind verschwunden, wenn man von meinem Tauchguide Jim Montcalm vom»Straits Dive Center« einmal absieht. Momentan ist auch Jim flüchtig. Denn das mittlere Fenster zur Brücke war groß genug, um einzutauchen. Und jetzt ist ganz oben ganz unten: Die kleine Welt der »Cedarville« steht Kopf. Drei Meter tiefer versinkt die höchste Antenne des Frachters im Schlick. Es ist kalt und es ist dunkel. Ohne Lampe sieht man gar nichts und mit Jims blasser Funzel sind nur Umrisse des noch völlig intakten Cockpits zu erkennen. Das haben die Taucher den strengen Gesetzen der Anrainerstaaten der großen Seen zu verdanken. Wer hier dabei erwischt wird, ein Wrack zu plündern, der legt gleich einige tausend Dollar auf den Tisch des Sheriffs und sieht nicht selten auch noch das kompakte Gästequartier der State-Trooper.

Der Schlepper von Alger
Uns haben die Sheriffs nur auf den Fahrten von einem See zum anderen Angst gemacht. Weil wir sie ständig hinter den Reklametafeln vermutet haben. Denn nur 55 Meilen Topspeed ist einfach nicht zu schaffen. Allein die Strecke von St. Ignaz, unserem Domizil genau zwischen den drei großen Seen, bis nach Munising, wo wir im »Alger Underwater Preserve« tauchen wollen, beträgt 165 Meilen, also exakt drei Stunden Fahrt. Macht hin und zurück sechs Stunden. Da schafft man gerade einen Tauchgang. Wir haben zwei geschafft und die Strecke hin und zurück in vier Stunden und zwanzig Minuten bewältigt, bei jeder Menge Bammel vor der Staatspolizei.
In Munising hat uns aber auch Captain Peter Linquist geholfen, mit einem schnellen Bootstrip gleich zwei Wracks abzuhaken. Imposant war vor allem der erste Dive am erst im April letzten Jahres versenkten Schlepper »Steven M. Selvick. Das Schiff steht aufrecht in nur 17 Meter tiefem Wasser. Die komplette Inneneinrichtung ist noch perfekt erhalten, einschließlich Radarskope, Funkgerät und Bordwerkzeug. Das Schiff ist durchgehend offen und läßt sich leicht betauchen, von den Unterkünften über die Toiletten bis hin zu einer voll funktionsfähig erscheinenden Küche. So macht Wracktauchen Spaß.

Von Elchen, Grizzlys und Beefburgern
Apropos Küche. Wer Amerikas Küche liebt, liebt Burger, nicht die von Mc Donalds und Co., sondern richtige dicke Halfpounder mit innen rohem, texanischen Longhornrind und außen dicken Tomatenscheiben, gepickelten Gurken und frischem Salat. Die bekommen Sie dort oben in Munising am Südufer des eiskalten Lake Superior noch in guter alter Holzfällersitte, heiß vom Kohlegrill serviert. Auch Elche gibt’s hier noch und Grizzly’s. Ein Land für Abenteurer, wo auf jedes japanische Importauto noch zehn ausgewachsene amerikanische Pick-ups kommen, wo Amerika noch nicht zur Sunshine State-Kunststoff-Fassade verkommen ist.
Drei Wochen Zeit und einen Winnebago Alu-Wohnwagen bräuchte man, um die schönsten Wracks der großen Seen auch nur halbwegs erkunden zu können. Wir haben gerade einmal eine Woche, und sorry Sheriff, das ist der Grund, warum wir es immer so eilig haben.

Besuch aus dem Weltall
Übrigens, auf dem Weg von St. Ignaz nach Munising trifft man zwischen Wetmore und Shingleton rechts an der Straße auf ein verlassenes Gehöft. Hier liegt mitten im Garten der größte, in diesem Jahrhundert auf das Gebiet der USA herabgeprasselte Meteor. Eine verkohlte Kugel von einem knappen Meter Durchmesser. Aber glaubt man den Einheimischen, muß es gerumst haben, als sei der Himmel selbst zu Boden gestürzt. Gedonnert hat es wohl auch 270 Meilen weiter südlich in der Thunder Bay bei Alpena, denn hier findet man die dichteste Wrack-Ansammlung pro Quadratmeile See. Mittendrin auch ein deutsches Schiff, die »Nordmeer«. Der Stahldampfer strandete 1966 auf einer Untiefe und gilt seit dieser Zeit als eines der sehenswertesten Wracks im Lake Huron. Insbesondere für Anfänger, denn der See ist hier nur 15 Meter tief, und Teile des 170 Meter langen Wracks schauen sogar noch über die Oberfläche hinaus. Ortskundige Wrack-Führung gibt’s bei den »Thunder Bay Divers« aus Alpena.

Besuch beim schlafenden Bär
Einen ortskundigen Führer ganz anderer Art hätten wir auch bei einem unserer diversen Landausflüge bitter nötig gehabt. Das Ziel der Exkursion waren die riesigen Sanddünen des »Sleeping Bear«, eine knappe Autostunde westlich von Traverse City. Das Fiasko nahm seinen Lauf am Ufer des Michigan Sees, im wahrsten Sinne des Wortes: Da war zu erst einmal diese Absperrung mit den Worten »Danger – do not tresspas« dann waren hinter der Absperrung diese vielen Leute mit Fotoapparaten, und gut dreihundert Meter unter der Absperrung war der See. Dazwischen Sand, nichts als eine riesige, steile Düne aus Sand. Mit einigen wenigen, weiten Sprüngen ist man unten, dreihundert Meter unter den vielen Fotografen und hinter dem Schild »Danger«. Viel zu spät versteht man dann den Sinn der Gefahr. Oder haben Sie schon einmal versucht, drei Stunden vor Sonnenuntergang eine dreihundert Meter hohe Sanddüne zu erklimmen? Ich erinnere mich heute noch an die letzten Meter und meine ständigen Fragen »Wie weit noch, Jim?«
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund. »Noch 30 Minuten, halbe Stund«.

Unser Autor und Reiseleiter:

Dietmar Fuchs

bereist die Region seit 1999

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Wracktauchen in den Großen Seen von Amerika

Wo:                 Michigan/USA

Wann:           Spätsommer 2019

Warum:   weil hier einige der schönsten  Wracks der Welt liegen. Tief, aber mit immensen Sichtweiten!

Besonderheiten: individuelles Tauchen von Land aus sowie organisierte Boottrips. Bei einigen Wracks sind Freitauchabstiege möglich (bis max. 20 Meter)

Mindestteilnehmerzahl: min. 8 bis max. 12 Teilnehmer

Preis:  ca. 3000 Euro Flug, Htl., Leihwagen, Tauchen

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Tief, tiefer am Tiefsten. Tech-Tauchen mit Becky Kagan Schott

2017 fand die Leserreise im Rahmen einer Wrackexkursion der amerikanischen Ausnahme-Fotografin Becky Kagan Schott statt – von der auch sämtliche hier veröffentlichte UW-Aufnahmen stammen. Becky taucht mit Rebreathern bis in Tiefen über 100 Meter und nimmt erfahrene Tech.-Taucher mit in die Tiefe – und natürlich auch zurück. Bei Bedarf können wir auch bei der 2019er Leserreise wieder Tauchgänge mit Becky anbieten. Die Extrawoche Tech kosten dann um die 1900 Euro incl. Unterkunft, Bootsfahrten und Gaslogistik.

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Fünf Fragen an: Becky Kagan Schott / www.liquidproductions.com

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VDST-sporttaucher: Becky, Du stammst aus Florida, wie kommt man da auf die Idee, im tiefen Kaltwasser zu fotografieren?
Becky Kagan Schott: Die kalten Süßwasserseen erhalten die Wracks nahezu im Originalzustand. Mich reizt es einfach in diesen „Zeitkapseln“ zu tauchen, forschen und zu fotografieren.

VDST: Und dann gleich in voller Tech-Ausrüstung mit Mischgas und Rebreather?
Becky: Unbedingt, nur wenige Taucher dringen in diese Tiefen vor und die meisten meiner Fotos sind damit einmalig.

VDST: Gibt es in den Großen Seen noch viele Wracks zu entdecken?
Becky: Tausende von Schiffen werden noch vermisst; von diesen sind bislang nur 200 registriert Aber auch bei den betauchten Wracks reden wir von knapp 50 Besuchern pro Jahr. Das hat ein Wrack in Florida an einem Vormittag.

VDST: Das Beste aber ist–aus unserer Sicht–Du bietest diese Tieftauch-Wrackexkursionen auch uns „Normal-Tauchern“ an?
Becky: Na klar, ich bin doch auch ein Normaltaucher. Ein bisschen Erfahrung muss ich natürlich voraussetzen aber mit 100 Tauchgängen und einer Mischgas-Ausbildung gibt es keine Probleme.

VDST: Das heißt, ich kann für die Leser unserer Verbandszeitschrift die hier abgebildeten Wracks nächstes Jahr als „Leserreise“ anbieten?
Becky: Aber klar doch! Ich habe schon viel von den Deutschen Tauchern gehört und etliche selbst kennengelernt. Zusammen mit dem VDST eine Leserreise zu organisieren hört sich nach jeder Menge Spaß an. Ich bin dabei!



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